Interesse an neuen Konzepten
Auf seiner USA-Reise im Mai 1964 trifft Willy Brandt neben dem amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson auch Außenminister Dean Rusk. Mit Interesse nimmt Rusk die Ausführungen des Regierenden Bürgermeisters zu Osteuropa auf und bittet ihn, seine Gedanken aufzuzeichnen und ihm zuzusenden.
Pressechef Egon Bahr fertigt im Juli einen ersten Entwurf mit dem Titel „Über Beziehungen zu osteuropäischen Staaten und Völkern“ an, den Brandt zur Überarbeitung u. a. an Herbert Wehner und Fritz Erler weiterleitet. Brandt führt in seinem Text aus, dass die osteuropäischen Staaten den sowjetisch-chinesischen Konflikt nutzen könnten, um mehr Eigenständigkeit zu erlangen. Deshalb hält er es für „wünschenswert und nicht aussichtslos, die osteuropäischen Staaten in möglichst zahlreiche Kommunikationen zu verweben.“ Unter dem Motto „Was zwischen USA und UdSSR möglich ist, sollte auch zwischen Westeuropa und Osteuropa möglich sein“, erörtert Brandt die vielfältigen Möglichkeiten für Ost-West-Projekte auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene.
Nachdem das als „vertraulich“ eingestufte Papier bereits an zahlreiche politische Freunde im In- und Ausland gegangen ist, schickt es Brandt im August auch an den amerikanischen Außenminister. CDU/CSU wie auch die FDP sind empört. Sie sehen einen weiteren Beweis dafür, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin eine eigene Außenpolitik betreibt und zum wiederholten Mal einen „außenpolitischen Alleingang“ unternommen hat.
Um „einseitigen Darstellungen oder böswilligen Verzerrungen vorzubeugen“, lässt Brandt das Papier im Januar 1965 veröffentlichen.