Kanzlerkandidat Brandt
Nach den Wahlniederlagen 1953 und 1957 sind viele jüngere Sozialdemokraten nicht mehr bereit, die Verantwortung für den nächsten Bundestagswahlkampf dem Parteivorstand in Bonn zu überlassen. Willy Brandt lädt deshalb Mitte Juli 1960 über 80 SPD-Politiker der mittleren Generation nach Barsinghausen bei Hannover ein, die sich selbst als „junge Unternehmer in der SPD“ verstehen. Unter ihnen sind der frisch gewählte 34-jährige Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und der 41-jährige Wehrexperte und SPD-Vorstandsmitglied Helmut Schmidt.
Willy Brandt hält eine programmatische Rede und verlangt, den nächsten Wahlkampf durch einen Spitzenkandidaten zu personalisieren. Seine Überzeugung, die reformbereiten Genossen für sich gewinnen zu können, bewahrheitet sich: Brandt wird von den versammelten Sozialdemokraten als Kanzlerkandidat benannt. Obwohl die Versammlung nicht institutionell in der Partei verankert ist, bedeutet ihre Festlegung auf Brandt als Spitzenkandidaten der SPD eine Art Vorentscheidung. Zwei Tage später werden sich auch Präsidium und die Siebener-Kommission für Brandt aussprechen.