Willy-Brandt-Biografie
Oktober 1962

Reden in Harvard

Schon seit dem Frühjahr 1962 arbeiten Willy Brandt und sein Berater Egon Bahr an einem neuen Konzept für die Ost- und Deutschlandpolitik. Der durch den Mauerbau ausgelöste erste Schock ist abgeklungen und alternative Politik-Konzepte haben nach der Kuba-Krise Konjunktur. Brandt reist in die USA, um an der Harvard-Universität zwei Vorträge zu halten. Sie stehen unter dem Motto: Koexistenz – Zwang zum Wagnis. Was in den USA und auch in der SPD noch provokant klingt, ist für Brandt kein neues Terrain: Seine Überlegungen zur Koexistenz hat er in wesentlichen Zügen bereits in den fünfziger Jahren entwickelt.

Brandt macht „Koexistenz“ zum Schlüsselbegriff seiner ostpolitischen Konzeption. Er versucht, dem durch Lenin diskreditierten Begriff damit eine positive Bedeutung zu geben: „Koexistenz ist in Wahrheit die ureigene und großartige Grundidee der Demokratie. ... Sie ist heute Voraussetzung für den Fortschritt der Menschheit.“ Brandt vertraut auf die Stärken des Westens: „In Berlin hat die Entwicklung bewiesen, dass wirkliche Koexistenz ein Wettkampf ist, den der Kommunismus verliert.“ Das gemeinsame Interesse von Ost und West an der Vermeidung eines Atomkrieges bilde den Ausgangspunkt für eine friedliche Koexistenz. Für die Deutschen sei damit allerdings eine bittere Erkenntnis verbunden: Sie werden auf absehbare Zeit mit der Mauer leben müssen. Nachdrücklich befürwortet Brandt auch eine Kontaktaufnahme zu Polen und eine Normalisierung der Beziehungen zu den anderen Ostblockstaaten.



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