Willy-Brandt-Biografie
Hintergrund
März 1987

Rücktritt vom Parteivorsitz

In den 70er Jahren debattiert die SPD über ein neues Parteiprogramm. Die Parteimitglieder erörtern die sozialdemokratischen Positionen zur künftigen Friedens-, Umwelt-, Energie- und Wirtschaftspolitik. Bundeskanzler Helmut Schmidt - Nachfolger Brandts im Amt des Regierungschefs - unterläßt es, die innerparteiliche Debatte zu kanalisieren. Wachsende Teile der SPD sehen in Schmidt eher einen Krisenmanager und Technokraten. Demgegenüber wird die Fähigkeit des SPD-Parteivorsitzenden Willy Brandt zum Dialog und zur Vermittlung von den Parteimitgliedern außerordentlich geschätzt. Sie erhoffen durch ihn Impulse für eine programmatische Erneuerung der SPD.

Aus den Bundestagswahlen 1980 gehen SPD und FDP gestärkt hervor, während die Unionsparteien mit ihrem Kanzlerkandidaten Franz-Josef Strauß 4,1% Stimmen verlieren. Dennoch zerbricht im September 1982 die sozialliberale Koalition vornehmlich an wirtschafts- und haushaltspolitischen Streitfragen. Helmut Schmidt sieht sich gezwungen, die FDP-Minister aus seinem Kabinett zu entlassen. Willy Brandt stellt sich wenige Tage später auf der Sitzung des SPD-Parteivorstandes hinter die Entscheidung des Bundeskanzlers.

Helmut Schmidt wird am 1. Oktober 1982 durch ein konstruktives Mißtrauensvotum im Deutschen Bundestag gestürzt und Helmut Kohl (CDU) zum Bundeskanzler gewählt. Die SPD muß sich nach 13 Jahren Regierungsverantwortung in Bonn wieder in die Rolle der Opposition begeben.

Bei den Bundestagswahlen im März 1983 muß die SPD große Stimmenverluste hinnehmen. Die Regierung der christlich-liberalen Koalition aus CDU/CSU und FDP unter Bundeskanzler Helmut Kohl wird durch die Wahl bestätigt. Außenminister bleibt Hans-Dietrich Genscher (FDP). Erstmals schafft die Partei der "Grünen" den Einzug in den Bundestag. Die Sozialdemokraten erkennen, daß ihnen in der Ökopartei eine Konkurrenz erwachsen ist, an die sie viele Stimmen verloren haben. Bereits 1977 hat Willy Brandt seine Partei vor der neuen Partei gewarnt und sie ermahnt, "selbst ein Stück Grüne Partei zu sein."
 
Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) im Gespräch mit dem Alterspräsidenten des Deutschen Bundestages, Willy Brandt, am 18. Februar 1987
©Bundesbildstelle

Der Aufstieg der Grünen und der Protest der Friedensbewegung gegen die Atomrüstung üben Anfang der 80er Jahre erheblichen Einfluß auf die Diskussion um eine neue sozialdemokratische Identität aus. Willy Brandt wird Vorsitzender einer Kommission, die den Entwurf für ein neues Parteiprogramm erarbeiten soll. Das Godesberger Programm von 1959 soll durch ein zeitgemäßes Programm ersetzt werden. Nach zwei Jahren Tätigkeit legt die Kommission im Juni 1986 einen Programmentwurf vor. Der "Irseer Entwurf" - benannt nach dem Ort, an dem die Kommission zuletzt tagte - knüpft an die sozialdemokratischen Grundpositionen aus dem Godesberger Programm an. Zugleich liefert der Programmentwurf Antworten auf die wichtigsten wirtschafts-, sozial- und umweltpolitischen sowie ethischen Fragen am Ende des 20. Jahrhunderts. Der "Irseer Entwurf" fließt in wesentlichen Teilen in das Berliner Programm der SPD ein, das im Dezember 1989 verabschiedet wird und das Godesberger Programm ablöst. Bei den Bundestagswahlen im Januar 1987 verliert die SPD - genau wie CDU und CSU - erneut an Zustimmung. Gewinner sind die kleinen Parteien, FDP und Grüne.

Im Frühjahr 1987 ist der Posten des SPD-Parteisprechers neu zu besetzen. Willy Brandts Vorschlag für eine Kandidatin stößt in der Partei auf starke Kritik. Für Brandt ist dies Anlaß, auf dem außerordentlichen Parteitag der SPD in Bad Godesberg als Parteivorsitzender zurückzutreten. Brandt will durch diesen Schritt zugleich die - nach seiner Auffassung - "unzumutbar gewordene Diskussion" um die Person seines Nachfolgers in der Partei verkürzen.
 
Willy Brandt nach seiner Abschiedsrede als Vorsitzender der SPD am 14. Juni 1987
©Bundesbildstelle

In einer eindrucksvollen Abschiedsrede auf dem Parteitag faßt Willy Brandt die Motive seines politischen Denkens und Handelns zusammen, zieht eine Bilanz seines politischen Wirkens und zeigt der Partei Perspektiven auf, wie sie den Weg zurück in die Regierungsverantwortung in Bonn finden kann. Willy Brandt verspricht seinen Parteifreunden, "nicht von Bord zu gehen", sondern seine Erfahrungen der deutschen und europäischen Sozialdemokratie weiterhin zur Verfügung zu stellen.

Willy Brandt bleibt bis zu seinem Tod Ehrenvorsitzender der SPD. Zu seinem Nachfolger im Amt des SPD-Parteivorsitzenden wird Hans-Jochen Vogel gewählt.

Ergebnisse der Bundestagswahl 1980
Ergebnisse der Bundestagswahl 1983
Ergebnisse der Bundestagswahl 1987
(Statistisches Bundesamt)



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