Willy-Brandt-Biografie
Juli 1963

Wandel durch Annäherung

In einem Diskussionsbeitrag auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing am 15. Juli 1963 verwendet Egon Bahr – Pressesprecher und enger Berater von Willy Brandt – die Formel „Wandel durch Annäherung“. Dahinter steckt das Konzept für eine neue Ost- und Deutschlandpolitik, wie sie Brandt schon seit den fünfziger Jahren entwickelt. Die bisherige Politik gegenüber dem Osten, so Egon Bahr, habe auf das „Alles oder Nichts“ einer deutschen Wiedervereinigung gezielt und sei gescheitert. Einen praktikablen Weg zum Sturz des Regimes gebe es nicht. Die Bundesrepublik müsse vielmehr durch eine Ausweitung der Handelsbeziehungen auf Erleichterungen und materielle Verbesserungen für die Menschen in der DDR hinarbeiten. Davon erwartet Bahr eine entspannende Wirkung im innerdeutschen Verhältnis, die es der Ost-Berliner Führung erlauben würde, einer Lockerung des Grenzregimes zuzustimmen, weil das Risiko für sie erträglich werde. Die Thesen Bahrs sorgen für beträchtlichen Wirbel. In Teilen der SPD, aber vor allem bei den Christdemokraten gibt es harsche Kritik. Man sieht die „gemeinsame Frontstellung gegen den Kommunismus“ gefährdet.

Die Ausführungen Bahrs entsprechen dem ostpolitischen Konzept Willy Brandts. Der Berliner Pressechef hat unmissverständlich ausgesprochen, was sein Chef bisher sehr vorsichtig umschrieben hatte. Brandt befürchtet allerdings, dass die Formulierung „Wandel durch Annäherung“ als beabsichtigte Annäherung an das kommunistische System missverstanden werden könnte.

 

Quelle: dbu.de
Schloss Tutzing, seit 1949 Arbeitsstätte der Evangelischen Akademie 


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