Am 3. Oktober 1957 wird Willy Brandt zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt. Drei Monate später und wenige Tage vor seinem ersten amtlichen Besuch in den USA lädt ihn die Steuben-Schurz-Gesellschaft, die älteste deutsch-amerikanische Freundschaftsorganisation, zu einem Vortrag ein. In seinen "Betrachtungen zur internationalen Politik" betont Brandt zum einen die enge Bündnispartnerschaft der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlins mit Amerika und dem Westen. Zum anderen macht er aber auch deutlich, dass die sich wandelnde Lage in der Welt neue Initiativen, insbesondere nach Osten, erfordere. Wörtlich sagt Willy Brandt am 17. Januar 1958: "Die deutsche Außenpolitik steht seit 1949 auf einem Bein. (...) Aber da lauert nun die andere Aufgabe, (...) gestützt auf die Freundschaft mit dem Westen und jeden Schritt abgesprochen mit unseren westlichen Freunden, doch auch das andere Bein - und das heißt Ostpolitik - herunterzusetzen."
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Nicht erst während seiner Kanzlerschaft, sondern schon seit Beginn der fünfziger Jahre engagiert sich Willy Brandt für die deutsch-jüdische Aussöhnung. 1952 gehört er in Berlin zu den Initiatoren der Großkundgebung „Versöhnung mit den Juden“, die gegen antisemitische Tendenzen in der deutschen Gesellschaft protestiert und an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch das NS-Regime erinnert. Als Regierender Bürgermeister von Berlin betont er 1961 in einer Rede am New Yorker Theodor-Herzl-Institut: Die furchtbaren Verbrechen, die im Namen des deutschen Volkes begangen wurden, „werden die Welt belasten, solange sie besteht“.
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Eine Woche nach seiner Wahl zum Bundeskanzler steckt Willy Brandt den Kurs der Regierung ab, die erstmals von SPD und FDP gebildet wird. Seine Rede im Deutschen Bundestag ist ein Signal des Aufbruchs. Brandt kündigt Reformen im Innern und eine neue Ost- und Deutschlandpolitik an. Die Kernbotschaften der sozial-liberalen Koalition an die Bürgerinnen und Bürger lauten: „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ und „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein und werden – im Inneren und nach außen.“
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Die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Vertrages am 12. August 1970 bedeutet den Durchbruch für die neue Ost- und Deutschlandpolitik der Regierung Brandt/Scheel. Er öffnet ihr den Weg zum Abschluss der weiteren Ostverträge mit Polen (1970), der DDR (1972) und der Tschechoslowakei (1973). Im Moskauer Vertrag verpflichten sich die Bundesrepublik Deutschland und die Sowjetunion zum Gewaltverzicht. Ferner betrachten sie alle Grenzen in Europa als unverletzlich, einschließlich der Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens und der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. In einem Brief an seinen Amtskollegen Gromyko stellt Außenminister Scheel jedoch klar, dass die Wiedererlangung der deutschen Einheit das Ziel der Bundesrepublik bleibt. Am Abend nach der Vertragsunterzeichnung wendet sich Bundeskanzler Brandt in einer Fernsehansprache aus Moskau an seine Landsleute, worin er betont: „Mit diesem Vertrag geht nichts verloren, was nicht längst verspielt worden war.“
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Am 7. Dezember 1970 unterzeichnen Bundeskanzler Willy Brandt und der polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz in Warschau den "Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen". Damit nehmen beide Staaten erstmals diplomatische Beziehungen miteinander auf. Der wichtigste Punkt des Abkommens ist aber: Die Vertragspartner stellen fest, dass die Oder-Neiße-Grenze die westliche Staatsgrenze Polens bildet, und sie bekräftigen "die Unverletzlichkeit ihrer bestehenden Grenzen jetzt und in der Zukunft und verpflichten sich gegenseitig zur uneingeschränkten Achtung ihrer territorialen Integrität". Am Abend wendet sich Brandt in einer Fernsehansprache aus der polnischen Hauptstadt an seine Mitbürgerinnen und Mitbürger und erläutert die Bedeutung des Vertrages.
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Am 10. Dezember 1971 wird Willy Brandt der Friedensnobelpreis für das Jahr 1971 verliehen. In der Begründung des Nobel-Komitees heißt es: „Bundeskanzler Willy Brandt hat als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt. Er hat im Geiste des guten Willens einen hervorragenden Einsatz geleistet, um Voraussetzungen für den Frieden in Europa zu schaffen.“ Am Tag nach der Preisverleihung hält Brandt an der Osloer Universität einen vielbeachteten Vortrag zum Thema „Friedenspolitik in unserer Zeit“.
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Als erster Bundeskanzler ist Willy Brandt zu direkten Regierungsverhandlungen mit der DDR bereit. Doch auch nach seinen Treffen mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph im März 1970 in Erfurt und zwei Monate später in Kassel kommen die deutsch-deutschen Gespräche zunächst kaum voran. Erst nach dem Vier-Mächte-Abkommen über Berlin im September 1971 gibt es Fortschritte. Im Dezember 1971 schließen Bonn und Ost-Berlin ihr erstes Abkommen, das den Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin regelt. Im Mai 1972 folgt der Verkehrsvertrag. Am 8. November 1972 wird schließlich der Grundlagenvertrag paraphiert, dessen Unterzeichnung sechs Wochen später stattfindet. Darin vereinbaren die beiden deutschen Staaten die Aufnahme gleichberechtigter, gutnachbarlicher Beziehungen. Aber an der Einheit der Nation hält die Regierung Brandt/Scheel fest. Sie vertritt weiter den Standpunkt, dass die Bundesrepublik und die DDR füreinander nicht Ausland sein können.
Die Erklärung von Bundeskanzler Brandt zur Paraphierung des Grundlagenvertrages finden Sie hier.
Nach dem gescheiterten Konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt am 27. April 1972 herrscht im Deutschen Bundestag ein Patt zwischen Regierung und Opposition, das nur durch Neuwahlen überwunden werden kann. Die Begeisterung für Brandt prägt den Wahlkampf, der die Menschen elektrisiert. So viele Bundesbürger wie nie zuvor engagieren sich politisch. „Willy wählen“, „Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land“ und „Willy Brandt muß Kanzler bleiben“ sind die Wahlslogans der SPD. Bei der Abstimmung am 19. November 1972 erzielen die Sozialdemokraten mit 45,8 Prozent das beste Ergebnis ihrer Geschichte. In Folge des großen Wahlsieges können Willy Brandt und Walter Scheel die sozial-liberale Koalition fortsetzen. Vor dem Palais Schaumburg, dem Amtssitz des Bundeskanzlers, treten sie am Wahlabend gemeinsam vor ihren Anhängern auf. Dabei gibt Brandt eine Erklärung zum Ausgang der vorgezogenen Bundestagswahl ab.
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Nicht nur in der Ost- und Deutschlandpolitik, sondern auch und vor allem in der Europapolitik setzt sich die von Bundeskanzler Willy Brandt geführte sozial-liberale Bundesregierung ab 1969 erfolgreich für einen Neuanfang ein. Brandt hat großen Anteil daran, dass Großbritannien, Dänemark und Irland 1972 der Europäischen Gemeinschaft beitreten. Am 13. November 1973 spricht Brandt als erster Bundeskanzler vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. In seiner Grundsatzrede legt er seine Vision eines geeinten Europa dar. Der deutsche Kanzler bekennt sich zur Schaffung einer Politischen Union, unterstützt insbesondere den Plan für eine europäische Währungsunion und regt eine gemeinsame Sozialpolitik in der EG an.
Den vollständigen der Text seiner Rede finden Sie hier.
Am 26. November 1976 wird Willy Brandt erstmals zum Präsidenten der Sozialistischen Internationale gewählt. Die traditionsreiche Vereinigung sozialdemokratischer und sozialistischer Parteien ist zu diesem Zeitpunkt nahezu bedeutungslos. Doch durch Brandt findet die SI wieder Gehör. Er befreit die Internationale von ihrem 'Eurozentrismus' und öffnet sie für ihr freundschaftlich verbundene Parteien aus der "Dritten Welt". Zudem setzt die SI neue inhaltliche Schwerpunkte, die Brandt schon bei seiner Genfer Antrittsrede in Form von drei Offensiven für Frieden und Abrüstung, für neue Nord-Süd-Beziehungen und für die Menschenrechte ankündigt.
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1977 übernimmt Willy Brandt den Vorsitz der "Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen". Sie soll den Nord-Süd-Dialog wieder beleben und neue Vorschläge für die internationalen Verhandlungen machen. Die Brandt-Kommission erarbeitet einen Bericht zur Zukunft der Entwicklungspolitik, der 1980 an die Vereinten Nationen übergeben wird. Auf zahlreichen Reisen stellt Willy Brandt die Arbeit des von ihm geleiteten Gremiums vor und wirbt für grundlegende Veränderungen in den Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Bei seiner Rede vor der United Nations Association of America am 26. Oktober 1978 spricht er sich für eine neue gerechtere internationale Ordnung aus und appelliert besonders an die USA, ihrer globalen Verantwortung besser gerecht zu werden.
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Am 23. März 1987 kündigt Willy Brandt seinen Rücktritt vom Amt des SPD-Vorsitzenden an, das er 23 Jahre lang innehatte. Anlass ist der Protest vieler Sozialdemokraten gegen seinen Vorschlag, die parteilose Margarita Mathiopoulos zur neuen Vorstandssprecherin zu machen. Bei einem außerordentlichen Parteitag in der Bonner Beethovenhalle verabschiedet sich Brandt am 14. Juni 1987 mit einer eindrucksvollen Rede. Darin zieht er eine Bilanz seines politischen Wirkens und betont, wie viel ihm der Grundwert der Freiheit bedeutet. Zugleich mahnt Brandt die SPD, für gesellschaftliche Veränderungen offen zu sein und sich ständig zu erneuern. Die Delegierten ernennen ihn zum Ehrenvorsitzenden der Partei.
Den vollständigen Text der Rede finden Sie hier.
Am Morgen nach der Grenzöffnung fliegt Willy Brandt sofort nach Berlin. Wenige Stunden später steht er inmitten einer Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. Anschließend fährt er zum Rathaus Schöneberg, wo er in einem Interview einen Satz sagt, der – leicht gekürzt – bald in aller Munde sein wird: „Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“ Brandt denkt dabei nicht nur an Deutschland, sondern auch an Europa als Ganzes. Am Abend des 10. November 1989 findet vor dem Rathaus eine Kundgebung statt. Neben Bundeskanzler Helmut Kohl, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper spricht auch der SPD-Ehrenvorsitzende zu tausenden Berlinern aus beiden Teilen der Stadt. Zum Mauerfall erklärt er: „Jetzt erleben wir – und das ist etwas Großes und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich dies miterleben darf –, dass die Teile Europas wieder zusammenwachsen.“
Den vollständigen Text der Rede finden Sie hier. Warum man darin das berühmte Zitat „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, vergeblich sucht, erläutert der Beitrag von Dr. Bernd Rother.
16 Jahre ist Willy Brandt Präsident der Sozialistischen Internationale. 1992 gibt er dieses Amt ab. Am SI-Kongress, der Mitte September 1992 erstmals in Berlin stattfindet und seinen Nachfolger bestimmt, kann der Todkranke aber nicht mehr teilnehmen. Seine Abschiedsbotschaft an die im Reichstagsgebäude tagenden Delegierten übermittelt er schriftlich in einem Grußwort, das Hans-Jochen Vogel am 15. September 1992 verliest. Darin bezeichnet es Brandt als seine besondere Genugtuung, dass die Vereinigung sozialdemokratischer Parteien unter seiner Führung eine „wahrhaft weltweite Gemeinschaft“ geworden sei. Daraus leitet er auch die Verpflichtung der Internationale zum globalen Engagement gegen Unrecht und für die Menschenrechte ab. Seine politischen Freunde ruft Brandt dazu auf, in ihrem Tun nicht nachzulassen: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“
Den vollständigen Text des Grußworts finden Sie hier.