DIE BIOGRAFIE VON WILLY BRANDT


 

Hier finden Sie einen Überblick über das einzigartige und faszinierende Leben und Wirken von Willy Brandt:

Kindheit und Jugend in Lübeck 1913-1933

Herbert Frahm, 1914 - WBA im AdsD, Bonn
Herbert Frahm, 1932 - AdsD, Bonn

Willy Brandt kommt am 18. Dezember 1913 mit dem Namen Herbert Ernst Karl Frahm im Lübecker Arbeitermilieu zur Welt. Seine Mutter Martha Frahm arbeitet als Verkäuferin. Seinen Vater John Möller, einen Lehrer aus Hamburg, lernt er nie kennen. Noch Jahrzehnte später wird man ihm seine nichteheliche Geburt als angeblichen Makel vorhalten.

Der Junge wächst in unruhigen Zeiten auf. Von 1914 bis 1918 tobt der Erste Weltkrieg, der mit dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs endet. Aus der Revolution 1918/19 geht die Weimarer Republik hervor, die erste Demokratie in Deutschland.

Herbert Frahm wohnt bei seinem Großvater Ludwig Frahm, einem Kraftfahrer. Die Familie ist fest in der Sozialdemokratie verankert. Schon als Schüler zeigt Herbert politisches und journalistisches Talent. Er schreibt Artikel für den "Lübecker Volksboten" und wird bereits mit 16 Jahren Mitglied der SPD. Weil ihm das Schulgeld erlassen wird, kann er das Gymnasium besuchen. 1932 macht er am Johanneum in Lübeck das Abitur.

Der politisch sehr engagierte Jugendliche erlebt die kurze Blütezeit, vor allem aber die Krisen und die Zerstörung der Weimarer Republik hautnah mit. Weil die SPD seiner Meinung nach nicht kämpferisch genug für ihre Ziele eintritt, wechselt Herbert Frahm 1931 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP).

Als Adolf Hitler und die NSDAP am 30. Januar 1933 an die Macht kommen und eine brutale Diktatur errichten, leistet der 19-jährige Linkssozialist sofort Widerstand. Das NS-Regime sperrt Tausende Gegner in Gefängnisse und Konzentrations­lager. Viele von ihnen werden gefoltert und ermordet. Um sich vor Verfolgung zu schützen, nennt sich Herbert Frahm erstmals Willy Brandt.

 

 

Widerstand und Exil in Skandinavien 1933-1946

Willy Brandt in einem Zeltlager in Norwegen, 1935
Willy Brandt vor der "Kleinen Internationale" in Stockholm, 1943

Anfang April 1933 verlässt Willy Brandt Lübeck. Versteckt auf einem Fischer­boot, gelangt er über die Ostsee nach Dänemark und reist weiter nach Norwegen.

Im Auftrag der SAP baut er in Oslo einen Auslandsstützpunkt seiner Partei auf und übernimmt wichtige Aufgaben in der Widerstandsarbeit gegen die NS-Diktatur in Deutschland. Schon bald ist Brandt auch als Journalist und Dolmetscher tätig. Er knüpft enge Kontakte zur norwegischen Arbeiterpartei DNA, die ihn unterstützt und politisch beeinflusst.

Für die SAP ist Willy Brandt in den dreißiger Jahren viel unterwegs. Getarnt als norwegischer Student, lebt er im Herbst 1936 für mehrere Wochen in Berlin. Während des Spanischen Bürgerkriegs hält er sich im Frühjahr 1937 auch für drei Monate in Barcelona auf. Wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime bürgern ihn die deutschen Behörden 1938 aus.

Mit dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Nachdem deutsche Truppen im April 1940 Norwegen besetzt haben, flieht Willy Brandt nach Schweden und erhält die norwegische Staatsbürgerschaft.

1941 heiratet er die Norwegerin Carlota Thorkildsen, mit der er die gemein­same Tochter Ninja hat. In Stockholm leitet Brandt ein Pressebüro und arbeitet an führender Stelle in einem internationalen Kreis demokratischer Sozialisten ("Kleine Internationale") mit, der gemeinsame Friedensziele formuliert. 1944 tritt er wieder der SPD bei.

Dem deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieg fallen unzählige Menschen in Europa zum Opfer, darunter sechs Millionen Juden. Erst der vollständige militärische Sieg der Verbündeten USA, Großbritannien und Sowjetunion beendet am 8. Mai 1945 den Völkermord und die Tyrannei der Nazis. Im November 1945 kommt Willy Brandt nach Deutschland zurück, um für die skandinavische Presse vom alliierten Prozess gegen die Haupt­kriegs­verbrecher in Nürnberg zu berichten.

 

 

 

Politik in und für Berlin 1947-1966

Willy Brandt beim SPD-Landesparteitag in Berlin, 1948
Besuch Willy Brandts beim SPD-Kreisbüro in Friedrichshain (Ost-Berlin), 1960
Willy Brandt und John F. Kennedy in der Nähe des Checkpoint Charlie, 1963

Willy Brandt kehrt 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurück. Er geht nach Berlin und arbeitet dort als Presseattaché in der Norwegischen Militärmission. 1948 wechselt Brandt in die deutsche Politik, weil er am Aufbau eines demokratischen Deutschland mitwirken will. An der Spree hält er für den SPD-Parteivorstand in Hannover die Verbindung zu den Berliner Sozial­demokraten und zu den drei westlichen Alliierten.

Am 1. Juli 1948 wird Willy Brandt die deutsche Staatsbürgerschaft wieder zuerkannt. Im selben Jahr heiratet er die Norwegerin Rut Bergaust, mit der er drei Söhne bekommt: Peter, Lars und Matthias.

Brandts politischer Aufstieg in der Berliner SPD vollzieht sich vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, der mit der sowjetischen Blockade West-Berlins und der anglo-amerikanischen Luftbrücke 1948/49 einen ersten Höhepunkt erreicht. Die Konfrontation zwischen freiheitlicher Demokratie im Westen und kommunistischer Diktatur im Osten führt 1949 zur Gründung von zwei deutschen Staaten: der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Nach harten innerparteilichen Auseinandersetzungen übernimmt Willy Brandt am 3. Oktober 1957 das Amt des Regierenden Bürgermeisters im freien Westteil Berlins. Er wird international bekannt, als die Sowjetunion 1958 durch ein Berlin-Ultimatum eine neue Krise auslöst. Es ist nicht zuletzt seinem persönlichen Einsatz zu verdanken, dass der Westen die Freiheit West-Berlins nicht preisgibt.

Doch auch Willy Brandt kann nicht verhindern, dass die DDR mit Zustimmung der Sowjetunion 1961 die Berliner Mauer baut. Um die Folgen der brutalen Grenzschließung zu mildern, bricht der Regierende Bürgermeister zwei Jahre später ein Tabu: Der West-Berliner Senat vereinbart mit der Regierung der DDR im Dezember 1963 das erste Passierscheinabkommen, das den West-Berlinern Verwandtenbesuche im Ostteil der Stadt ermöglicht.

In West-Berlin erzielt Willy Brandt große Wahlerfolge. 1964 übernimmt er den Vorsitz der Bundes-SPD. Bei den Bundestagswahlen 1961 und 1965 tritt er als Kanzlerkandidat seiner Partei an, unterliegt aber den jeweiligen Amtsinhabern von der CDU, Konrad Adenauer und Ludwig Erhard. Im Wahlkampf betreiben politische Gegner Kampagnen, in denen sie Brandts nichteheliche Geburt, sein Exil und sein Privatleben diffamieren.

Regierungsverantwortung in Bonn 1966-1974

Bundeskanzler Kiesinger und Außenminister Brandt, 1967
Das neue Kabinett bei Bundespräsident Gustav Heinemann, 1969
Bundeskanzler Willy Brandt, 1972

Als die Regierung von Bundeskanzler Ludwig Erhard 1966 scheitert, bilden CDU/CSU und SPD eine Große Koalition. Willy Brandt wechselt nach Bonn und wird am 1. Dezember 1966 Außenminister und Vizekanzler im Kabinett von Kurt Georg Kiesinger (CDU). Die Große Koalition kurbelt die Wirtschaft wieder an und leitet die Modernisierung der Bundesrepublik ein. Allerdings rufen die Notstandsgesetze 1968 starke Proteste der Außerparlamentarischen Opposition (APO) hervor.

Nach der Bundestagswahl 1969 kommt es zum Machtwechsel. Nun schließen SPD und FDP ein Regierungsbündnis und wählen Willy Brandt am 21. Oktober 1969 zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler. Walter Scheel (FDP) wird Außenminister und Vizekanzler. Die sozial-liberalen Partner führen die innenpolitischen Reformen fort: Sie bauen den Sozialstaat aus, erweitern Freiheitsrechte und verwirklichen mehr Mitbestimmung.

In der Außenpolitik treibt Brandt zum einen die Einigung Europas voran, so dass die Europäische Gemeinschaft sich erweitern und ihre Zusammenarbeit vertiefen kann. Zum anderen setzt der Kanzler eine neue Ostpolitik durch, die international große Zustimmung findet und ein neues Deutschlandbild formt. Das Bild von seinem Kniefall vor dem Ghetto-Mahnmal in Warschau geht 1970 um die Welt. 1971 erhält
Willy Brandt den Friedensnobelpreis.

Durch die Ostverträge erkennt die Bonner Regierung insbesondere die Oder-Neiße-Grenze zwischen Polen und Deutschland sowie die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten als unverletzlich an. Außerdem nimmt die Bundesrepublik offizielle Beziehungen mit der DDR auf und trifft mit ihr Vereinbarungen über Verkehrs- und Reiseerleichterungen im geteilten Deutschland. Am Ziel, die deutsche Einheit auf friedlichem Wege wiederzuerlangen, halten Brandt und sein Kabinett jedoch fest.

CDU und CSU bekämpfen die Politik der sozial-liberalen Koalition heftig. Im April 1972 scheitern sie aber mit dem Versuch, den Bundeskanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum abzuwählen. Im November 1972 finden vorgezogene Neuwahlen statt, die Willy Brandt mit dem für die SPD historisch besten Ergebnis klar gewinnt.

Doch internationale Krisen, wirtschaftliche Umbrüche und persönliche Formschwächen machen das Regieren ab 1973 für ihn immer schwerer. Nachdem Günter Guillaume, einer seiner Mitarbeiter, als DDR-Spion enttarnt worden ist, tritt Bundeskanzler Willy Brandt am 6. Mai 1974 von seinem Amt zurück. Er bleibt aber SPD-Vorsitzender.

 

 

Staatsmann ohne Staatsamt 1974-1992

Willy Brandt in Caracas, 1976
Sitzung der Nord-Süd-Kommission in Mont Pélerin, 1979 Bonn
Willy Brandt in Leipzig, 1990

Auch nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler ist Willy Brandt an führender Stelle politisch aktiv. Weltweit genießt er hohes Ansehen.

1976 wird er Präsident der Sozialistischen Internationale (SI), der Vereinigung sozialdemokratischer Parteien, an deren Spitze er bis 1992 steht. Kraftvoll unterstützt Brandt die jungen Demokratien in Portugal und Spanien und stellt sich an die Seite derer, die in Lateinamerika um Freiheit und soziale Gerechtig­keit kämpfen. Stark engagiert sich der SI-Präsident auch für das Ende des rassistischen Apartheid-Regimes in Südafrika.

1977 gründet Willy Brandt eine unabhängige Nord-Süd-Kommission, die neue Vorschläge für die Entwicklungspolitik ausarbeitet. Ihr Abschlussbericht, der "Brandt-Report", wirbt 1980 für mehr globale Kooperation, um Hunger und Armut zu überwinden. Außerdem zieht Brandt 1979 in das erstmals direkt gewählte Europäische Parlament ein. Im gleichen Jahr trennt er sich von Rut Brandt. Die Ehe wird 1980 geschieden. Willy Brandts neue Partnerin ist die Historikerin Brigitte Seebacher, die er 1983 heiratet.

In Bonn stützt der SPD-Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete die Regierung seines Nachfolgers im Kanzleramt, Helmut Schmidt. Doch im Herbst 1982 zerbricht die sozial-liberale Koalition und Helmut Kohl (CDU) wird Bundes­kanzler. 1987 tritt Brandt als Parteivorsitzender ab und wird zum Ehren­vorsitzenden der SPD ernannt.

Während der achtziger Jahre stemmt sich Willy Brandt leidenschaftlich gegen das atomare Wettrüsten. Um den Frieden in Europa zu sichern und die Abrüstung zu fördern, suchen er und die SPD verstärkt den Dialog mit den Machthabern im Ostblock. Als 1989 die Berliner Mauer fällt und die kommu­nistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa in meist friedlichen Revolu­tionen stürzen, erfüllt sich für Willy Brandt ein Traum. Begeistert fördert er das Zusammenwachsen Europas und die staatliche Einheit Deutschlands, die am 3. Oktober 1990 wieder hergestellt wird.

Im November 1990 reist Brandt nach Bagdad und erwirkt dort die Frei­lassung westlicher Geiseln, die im Irak festgehalten werden. Wegen einer schweren Krebserkrankung zieht er sich im Mai 1992 aus der Öffentlichkeit in sein Haus in Unkel zurück, wo ihn seine Frau Brigitte pflegt. Am 8. Oktober 1992 stirbt Willy Brandt. Neun Tage später wird er nach einem Staatsakt im Berliner Reichstagsgebäude auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt.