22.10.2018

Richtigstellung

Zum Buch "Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror"

Das neueste Buch von Michael Wolffsohn (Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror, München 2018) enthält leider eine Vielzahl von fehlerhaften Darstellungen, unrichtigen Behauptungen und klaren Fehlinterpretationen über Willy Brandts Haltung gegenüber den Juden und dem Staat Israel. Hier listet die Bundes­kanzler-Willy-Brandt-Stiftung die eklatantesten Fehler und Verzerrungen auf und stellt sie richtig.

1. Bezugnehmend auf einen Anfang 1939 in Norwegen veröffentlichten Artikel Willy Brandts über die Novemberpogrome in Deutschland (abgedruckt in: Berliner Ausgabe, Bd. 1, Dok. Nr. 56, S. 392–397), behauptet Wolffsohn, dass auch Brandt – wie angeblich viele Sozialdemokra­ten im Exil – „antisemitische Klischees“ gehegt habe. Brandt habe, so Wolffsohn, z. B. alle Juden für Kapitalisten gehalten. (S. 17)

Diese Interpretation ist falsch. Der Satz, auf den sich Wolffsohn bei seinem Vorwurf be­zieht, lautet: „Der Kampf gegen den jüdischen Kapitalisten ist das Einzige, was vom anti­kapitalistischen Programm des Nazismus übrig geblieben ist.“ Hierin brachte Brandt aus seiner Sicht die NS-Ideologie und -Phraseologie auf den Punkt, die er nicht etwa teilte, sondern in jeder Hinsicht verabscheute und mit Nachdruck ablehnte. Dass Brandt ein entschiedener Gegner des Antisemitismus war, ist überdies aus dem Gesamtzusammen­hang jenes Artikels klar erkennbar.

2. Ebenfalls mit Bezug auf den o. g. Artikel von 1939 behauptet Wolffsohn, dass Brandt „die zionistisch-jüdische Option“ zwar toleriert und akzeptiert habe. Seiner Zielsetzung habe sie aber ganz und gar nicht entsprochen. „Er hielt sie für einen Rückschritt, weil das Jüdi­sche nicht im Deutschtum aufging. Fortschritt wäre demnach die Auflösung des Juden­tums im Deutschtum gewesen. Ganz frei von Völkischem war dieser Gedanke nicht.“ (S.19)

Diese Interpretation ist falsch. In dem Artikel schrieb Brandt, dass die Assimilierung der deutschen Juden bis 1933 schon sehr weit gediehen gewesen sei – ein historisch voll­kommen korrekter Befund. Er forderte zugleich (also noch vor Beginn des Zweiten Welt­kriegs und des Holocaust), dass die Juden „in einer neuen europäischen Ordnung“ so­wohl die Gelegenheit zur Assimilation in den Ländern, wo sie bisher lebten, als auch zur Schaffung einer neuen jüdischen Nation in Palästina erhalten müssten. 1944 schrieb er in dem Buch „Efter Segern“: Man könne nicht so tun, als gäbe es kein „jüdisches Palästi­na, wo eine halbe Million Menschen mit Blut, Schweiß und Tränen die Grundlage für ein hochkultiviertes Gemeinwesen gelegt hat“, und man könne den Juden „das Recht, ihr eigenes Leben zu leben“, nicht verweigern. (zit. nach Berliner Ausgabe, Bd. 2, Einleitung, S. 31) Im Übrigen hat Brandt unter Assimilierung niemals die „Auflösung des Judentums im Deutschtum“ verstanden. Für ihn gehörte das Jüdische zu Deutschland dazu.

3. Mit Verweis auf eine Rede Willy Brandts am 9. Februar 1945 in Stockholm (abgedruckt in: Berliner Ausgabe, Bd. 2, Dok. Nr. 12, S. 231–239) schreibt Wolffsohn: „Juden und Nichtjuden wollte Willy Brandt bei der Wiedergutmachung gleichstellen. Kein Wunder, denn aus seiner und der SPD-Exilsicht, waren sowohl das deutsche Volk als auch die Juden Opfer der NS-Politik. Gewiss, es gab unter ,den‘ Deutschen zahlreiche schuldlose Opfer, doch die Gleichsetzung der Unschuld bzw. der Opferrolle war eigentlich schon damals starker Tobak, besser: Geschichtsblindheit. Oder gar Schlimmeres?“ (S. 19)

Diese Interpretation ist falsch. Brandt erklärte in jener Rede 1945: „Was die Bürger jüdischer Herkunft betrifft, die – hoffentlich in nennenswerter Zahl – nach Deutschland zurückkehren, so sind sie – auch in Bezug auf Entschädigungsfragen – gleichzustellen mit allen übrigen von den Nazis verfolgten Deutschen.“ Brandt sprach sich also klar für die Gleichbehandlung aller NS-Verfolgten (jüdische und nicht-jüdische) aus und erklärte nicht etwa alle Deutschen zu Opfern der Nazis.

4. Wie schon in seinem 2005 erschienenen Buch „Denkmalsturz?“ berichtet Wolffsohn, dass Klaus Harpprecht in einem Brief im Oktober 1970 Willy Brandt um eine öffentliche Geste gegenüber Israel gebeten habe. Diese Bitte, so behauptet Wolffsohn, habe den Bundeskanzler zu seinem Kniefall vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau veranlasst. (S.39) Diese Interpretation ist alles andere als überzeugend. Harpprecht schlug in dem Schrei­ben vor, dass Brandt in nicht allzu ferner Zukunft bei einer jüdischen Veranstaltung in der Bundesrepublik auftreten sollte. Das geschah im März 1971 bei der „Woche der Brüder­lichkeit“ in Köln.

5. Die Entführung einer Lufthansa-Maschine durch palästinensische Terroristen am 29. Oktober 1972 und die daraufhin erfolgte Freilassung der drei überlebenden Olympia-Attentäter aus deutscher Haft hält Wolffsohn für eine zwischen den Hintermännern der Entführung und der Bundesregierung sowie der bayerischen Landesregierung abgespro­chene Aktion. Dieselben, aber stets unbewiesenen Vermutungen gab es schon unmittel­bar nach der Entführung und werden seither immer wieder angestellt. Unter Berufung auf einen „politischen Zeitzeugen von damals“, der nicht genannt werden wolle, behauptet Wolffsohn nun, dass der deutsche Waffenhändler und ehemalige Waffen-SS-Offizier Gerhard Mertins damit beauftragt worden sei, die Freipressung einzufädeln. Über Mertins seien „vermutlich sämtliche Kontakte zu den Palästinensern“ gelaufen, so Wolffsohn. Seine Rückmeldungen nach Deutschland habe Mertins ausschließlich zum SPD-Bundes­geschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski gegeben. Wolffsohn resümiert: „‚Ben Wisch’ könnte der ent­scheidende Drahtzieher der Entführung gewesen sein. So die unbewiesene Einschät­zung des politischen Zeitzeugen.“ (S. 101 f.)

Fakt ist: Zu diesen wilden Spekulationen, Gerüchten und Anschuldigungen wird kein einziger Beweis vorgelegt. Der völlig chaotische Ablauf der Flugzeugentführung und das eigenmächtige Handeln von Einzelpersonen, die sich nicht an Anweisungen des Bonner Krisenstabes hielten, sprechen im Übrigen eindeutig gegen eine verabredete Aktion.

6. Wie bereits in einem Artikel für die „Welt am Sonntag“, der im Juni 2013 erschien, wirft Wolffsohn Willy Brandt vor, im Sommer 1973 eine Friedensinitiative der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir praktisch sabotiert und somit die Chance vertan zu haben, den Krieg im Nahen Osten, der wenige Monate später ausbrach, zu verhindern. (S. 112–136)

Dieser Vorwurf ist falsch. In einer von der BWBS erstmals im Jahr 2014 veröffentlichten Broschüre wurden die Anschuldigungen gegen Brandt anhand von deutschen und isra­elischen Quellen klar widerlegt. Auf Bitten der israelischen Ministerpräsidentin hat der Bundeskanzler, der aus nachvollziehbaren Gründen eine Vermittlerrolle der Bundesrepu­blik im Nahost-Konflikt ablehnte, im Sommer 1973 die Aufgabe des Nachrichtenübermitt­lers übernommen. Auf dem am besten geeigneten Wege hat Brandt die Regierung in Kairo darüber informiert, dass Israel Frieden wolle und die Aufnahme direkter Gespräche mit ihr wünsche. Dieser Wunsch und das Angebot Meirs, den Großteil der 1967 von Israel besetzten Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückzugeben, waren indes überhaupt nicht neu. Auch deshalb reagierte die ägyptische Regierung auf die von einem deutschen Diplomaten überbrachte Mitteilung des Kanzlers mit schroffer Ablehnung.

7. Wie bereits in einem Artikel für die „Welt am Sonntag“, der im Oktober 2013 erschien, wirft Wolffsohn Willy Brandt und der sozial-liberalen Bundesregierung vor, während des Jom-Kippur-Kriegs im Oktober 1973 aus Angst vor einem Stopp der Öllieferungen aus den arabischen Staaten Israel Hilfe verweigert und sich gegenüber dem wichtigsten Bündnispartner USA illoyal verhalten zu haben. (S.150)

Dieser Vorwurf ist falsch. Das Gegenteil ist richtig. Trotz formeller Neutralität der Bundes­republik in dem Konflikt duldete die Bundesregierung zum einen, dass die Amerikaner in Bremerhaven US-Kriegsmaterial an Israel verschifften. Bonn protestierte gegenüber Washington erst in dem Moment gegen diese Praxis, als bekannt wurde, dass auch nach dem offiziellen Waffenstillstand Material verladen wurde und zwar auf Schiffe unter israelischer Flagge. Zum anderen hatte die Bundeswehr – auf ausdrückliche Anweisung Willy Brandts – zuvor schon selbst Waffen an das in den ersten Kriegstagen schwer bedrängte Israel geliefert. Dies enthüllte Klaus Harpprecht bereits im Jahr 2000 in einem Artikel für „Die Zeit“. Brandt hielt es damals für seine Pflicht, Israel zu helfen, obwohl er damit gegen das bundesdeutsche Kriegswaffenkontrollgesetz verstieß. Es war bisher nicht bekannt, welche Waffe die Bundesregierung den Israelis 1973 zur Verfügung stellte. Aus den israelischen Dokumenten, die Wolffsohn nun zitiert, geht hervor, dass es Panzerabwehrraketen waren (vermutlich Panzerabwehrlenkwaffen vom Typ BGM-71 TOW), die von der Bundeswehr in den USA bestellt worden waren.

8. Mit Blick auf Willy Brandts Verhalten 1973, als er Israel angeblich Hilfe versagte, stellt Wolffsohn folgende These auf: „Brandts Handeln und Nichthandeln lagen hier – wie so oft und bei allen Menschen – unterschiedliche, auch realpolitische Motive zugrunde. Wer sich aber mit den Aussagen des jungen Willy Brandt auseinandersetzt, kann durchaus auf den Gedanken kommen, dass er und seine Genossen die Tragödie des europäi­schen Judentums in ihrem ganzen Ausmaß nie richtig verstanden haben, und damit auch nicht den Staat Israel als Historischen Ort nach dem Millionenmord.“ (S. 152) Diese These entbehrt jeder Grundlage.

Das Gegenteil ist richtig. Von Wolffsohn mit keiner Silbe erwähnt wird, dass nach dem Krieg viele deutsche Sozialdemokraten und Gewerkschafter – nicht zuletzt auch Willy Brandt – die Gründung Israels 1948 begrüßten. Nicht nur wegen ihrer engen Beziehungen zur israelischen Arbeitspartei, sondern vor allem wegen der Schuld Deutschlands am Holocaust und der sich daraus ergebenden historischen Verantwortung fühlten sie sich dem zionistischen Staat besonders verpflich­tet und unterstützten ihn nachhaltig.

9. Wolffsohn schreibt: „1944 hielt Brandt die Probleme bei ‚der Reinstallierung der von den Nazis verfolgten Juden‘ für ‚so umfassend, dass es zweifellos internationaler Maßnah­men‘ bedurfte. Nicht nur Deutschland, auch die Internationale Gemeinschaft, sollte sich daran beteiligen. Man kann Willy Brandts Gedanken freundlich interpretieren: Die den Juden angetane Unmenschlichkeit sei so ungeheuer, dass Wiedergutmachung eine Menschheitsaufgabe sei, die Deutschland alleine nicht stemmen könne. Man kann es auch boshaft so verstehen: Deutschland hat gemordet, die Welt soll (mit-)bezahlen.“ (S.152 f.) Diese Interpretation ist falsch. Willy Brandt hat niemals auch nur im Ansatz die Auffas­sung vertreten, „Deutschland hat gemordet, die Welt soll (mit-)bezahlen.“ Bei dem aus dem Jahr 1944 stammenden Zitat hat Wolffsohn folgende Sätze Brandts weggelassen: „Diese [internationalen] Massnahmen sollten teils darauf abzielen, den Bürgern jüdischer Herkunft in den einzelnen Ländern Mittel und Wege zu eröffnen, um als in jeder Hinsicht gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft neu zu starten, teils auch jenem Teil der Juden zu helfen, der sich für den Weg einer Rekonstituierung der jüdischen Nation ent­schieden hat. Für die deutschen Juden sollte man einen Hilfsfond aus beschlagnahmten Nazivermögen schaffen (…) Zur Entschädigung der Opfer des Rassenwahnsinns sind besonders auch die von den Nazis gestohlenen jüdischen Vermögen und die von ande­ren übernommenen Geschäfte und Firmen heranzuziehen.“ (zit. nach Berliner Ausgabe, Bd. 2, Dok. Nr. 8, S. 188 f.) Darüber hinaus erklärte Brandt in der bereits oben zitierten Stockholmer Rede am 9. Februar 1945: „Deutschland kann und darf sich nicht der For­derung nach Wiedergutmachung widersetzen.“ (zit. nach Berliner Ausgabe, Bd. 2, Dok. Nr. 12, S. 234)

Es sei an dieser Stelle auch an die (von Wolffsohn nicht erwähnte) Tatsache erinnert, dass die Sozialdemokraten sich nach dem Krieg früh für „Wiedergutmachungsleistungen“ an Israel und die Juden ausgesprochen haben und dass ohne die geschlossene Zustim­mung der SPD-Fraktion das „Luxemburger Abkommen“ von 1952 vom Deutschen Bun­destag nicht ratifiziert worden wäre. Zahlreiche Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion verweigerten der von der Adenauer-Regierung ausgehandelten Vereinbarung 1953 ihre Zustimmung.

Staatsbesuch in Israel: Begrüßung von Bundeskanzler Willy Brandt durch Premierministerin Golda Meir, 7. Juni 1973 © Bundesregierung/Lothar Schaack